ORTE SCHAFFEN XXIII | HS 20 

Patnaul 

Ein Ort ist ein Ort durch die Differenz zu einem anderen Ort

Orte werden von Menschen geprägt, Orte prägen aber auch Menschen. Die Ortsprägung erfolgt nicht immer gegenseitig. Als Mensch kann man sich nur schwer der Prägung durch einen einmaligen Ort entziehen. Früher blieben die meisten Menschen ein Leben lang am gleichen Ort. Heute sind Ortswechsel zur Normalität geworden. Die Frage der Aneignung eines Ortes stellt sich immer wieder neu. Die Nähe und die Distanz zu einem Ort und zu seinen Wirklichkeiten werden individuell vermessen.

Die Wahlmöglichkeit eines Wohnortes und die Ungebundenheit in sozialen und politischen Strukturen bedeuten für viele Menschen Freiheit. In einer Krise, aber auch in bestimmten Lebensphasen bevorzugen die Menschen nicht selten einen Ort, der ihnen einen festen Halt, Sicherheit und Stabilität gibt. In diesen Momenten kann paradoxerweise eine Ortsbindung zu mehr Freiheit führen. Bewegungen im Raum verändern Orte. Eine damit verbundene lose Bindung führt dazu, dass sich Orte gleichen. Die Prägung der Orte geschieht mehr durch die Übernahme von universellen Bildern als durch die Wechselbeziehungen zwischen den Menschen und den lokalen Wirklichkeiten. Die Einmaligkeit eines Ortes und damit die Differenz zu anderen Orten wird geschwächt.

Der Wandel und das Unterwegssein sind Bedürfnisse der Menschen. Die Menschen lassen sich von einmaligen Orten faszinieren. Wir stellen die Frage nach den Entitäten, die diese einmaligen Orte prägen. Wie ist das Verhältnis des Individuellen zum Allgemeinen? Wieviel Freiheit darf der Einzelne für sich beanspruchen ohne die Freiheit des Anderen zu tangieren? Und wie autonom soll und darf ein Gebäude sein, damit es eine kontextuelle Beziehung eingehen kann? Wir werden im Semester versuchen eine Antwort auf diese und andere Fragen zu geben, die für den einmaligen Ort wichtig sind – ausschliesslich mit den Mitteln der Architektur.

Ein schönes Objekt allein macht noch keinen Ort

Die Menschen begehren Schönes. Die Architektur sucht nach Schönheit. Schönheit lässt sich begrifflich schwer beschreiben. Im Alltag bildet sich Schönheit aus dem direktem Erleben und aus der Nähe und der Distanz zu den Geschehnissen. Der Wolf kann für denjenigen, der das Tier aus Distanz erlebt, schön sein, nicht für den Bauern, dem der Wolf seine Schafe reisst.

Bei der Schaffung eines starken Ortes ist die Schönheit indirekt das Ziel. Der Prozess unserer Arbeit und unserer Anstrengungen, der sowohl vorhandene Eigenschaften einbezieht wie das vorstellbar Abwesende in Betracht zieht, soll dazu führen, dass wir die Schönheit finden. Diese erlebte und erfahrene Schönheit ist in ihrer Vielschichtigkeit sinnstiftend für den menschlichen Alltag. Schönheit ist Wert, Verpflichtung und Verantwortung.

Mit dem Erkennen der Lebendigkeit im Gegenüber entsteht eine höhere Wertschätzung
Die Kultur kann als eine Art Instrument angesehen werden, welches die Menschen einsetzen um mit der Natur zurecht zu kommen. Der Kulturprozess hat die Natur zusehends verdrängt und überformt. Die radikale Entgegensetzung hat zu einer Verdinglichung und Objektivierung der Natur geführt.

Die Natur ist von Gesetzmässigkeiten und Wiederholungen geprägt. Schwer absehbare Veränderungen und Einmaligkeiten kommen hinzu. Der starke Ort kennt keine strenge Unterscheidung zwischen Natur und Kultur. Er kalkuliert das Unvorhersehbare und nutzt das Erwartbare zum eigenen Vorteil. Das macht einen Ort lebendig. Der Lawinenhang wird im Sommer genutzt, im Winter wird er gemieden. Der Wind hat nebst einem sinnlichen Aspekt auch ökonomische Vorteile.

Ein ausschliesslich ästhetischer Blick führt eher zu einer Entfernung, das vordergründige ökonomische Interesse sieht nur Ware und Ressource. Durch intrinsische Hinwendung zu den Dingen werden diese mehr als nur Funktion, Form und Bild. Sie werden resonant. Resonanz ist eine Form des Miteinander-zu-tun-habens. In diesen Beziehungen sind Dissonanzen eingeschlossen.

Um den Dingen ihre Vorteile für den Menschen zu entlocken, braucht es die Nähe und das Verständnis für ihre Eigenschaften. Das Menschliche, das Nichtmenschliche, der Raum und die Materie sind die Entitäten dieser Verflechtung. In einem «Jenseits von Natur und Kultur» (Philippe Descola) wird die Unterscheidung von Natur

und Kultur quasi aufgehoben. Jedoch nicht in der Phantasie der romantischen Haltung. Das Gegenüber bleibt aber auch Kalkül. Freund und Feind zugleich.

Lokales Bauen bedeutet Intensität und Nähe zu den Dingen

Bei der Materialwahl unterscheidet die Architektur zwei Haltungen. Entweder wird das für die Vorstellung des Objektes ideale Material von einem anderen Ort geholt – die Welt wird verfügbar. Oder man nimmt das am Ort verfügbare Material und bearbeitet dieses zu einer idealen Vorstellung – im Sinne einer Alchimie. Nebst einem nötigen Können ist bei Ersterem das Komponieren entscheidend, bei der zweiten Herangehensweise die Vorstellungskraft. Beide Wege können zu einer hochwertigen Architektur führen. Qualität zeigt sich in der spezifischen Verwendung des Materials.

Ein starker Ort schafft ein Ambiente der Unmittelbarkeit. Eine Selbstbezogenheit, die nicht als Isolation zu verstehen ist. Gesucht wird immer die Überwindung des Hier und Jetzt – zu einer besseren Zukunft. Das primäre Baumaterial kommt aus dem Ort. Das am Ort nicht verfügbare wird (zur Veredelung) zugekauft. Durch die Produktion am Ort kommt Entscheidendes dazu; es entstehen Bewegungen in einem engen Umkreis. Durch die Wahl des Materials und der Produktion entstehen Beziehungen – Beziehungen zu den Menschen und Beziehungen zu den Dingen.

Die Zeit fordert einen Wandel und zugleich einen inneren Zugang zum Ort. Strategien und Konzepte genügen nicht für die Schaffung starker Orte. Der Wandel könnte heissen: von der Sachlichkeit zu Ereignissen. Nicht die Absicht einer Rückkehr zur Natur, sondern dem Gegenüber eine Stimme geben und diese als Potenzial für die Architektur nutzen. Es geht nicht darum, das Lokale gegen die Globalisierung zu verteidigen, als vielmehr das Lokale zu stärken, Architektur spezifisch und welthaft zugleich zu denken.

Ein starker Ort entsteht durch die Transformation einiger charakteristischen Merkmale in die heutige Zeit, oder anders gesagt, gefordert ist die Überwindung der heutigen Praxis.

Im Herbstsemester 2020 wollen wir uns den wichtigsten Entitäten zur Schaffung des starken Ortes annähern. Wir beginnen unser Projekt in einem unbewohnten Gebiet auf 2200 Meter über Meer – in Patnaul. Wir gehen dort hinauf mit dem Ziel die Natur als Natur, als freie und umgebende Natur zu erfahren. Raum, Mensch, und Nichtmenschliches stehen in Patnaul einem besonderen Ver- hältnis zueinander. Anschliessend entwerfen wir Architekturen an ausgesuchten Lagen in der Landschaft. Entworfen wird nicht die Urhütte – wir suchen nach einem Haus, das sich heutigem Wissen bewusst ist und die Merkmale und Bedingungen, die eine Stelle zu einem einmaligen Ort macht, berücksichtigt. Dazu zählt sowohl der Einbezug der natürlichen Gesetzmässigkeiten, wie auch das Kalkül der Einmaligkeit.
Im Frühjahrssemester 2021 wollen wir dann die gemachten Erfahrungen in einem gebauten Kontext weiterentwickeln.

Um diese Ziele zu erreichen, vermitteln wir den Studierenden nicht eine bestimmte Art von Architektur – sei es im Sinne von Methoden, Bildern oder Stilrichtungen. Es ist vielmehr für den Ort eine tragende Idee zu entwickeln. Die Idee soll ihre räumliche Entsprechung im Entwurf finden. Der Fokus richtet sich im Verlauf des Semesters auf das verwendete Material und die Konstruktion, und darüberhinaus auf die räumliche Atmosphäre, die ein bestimmtes Ereignis unterstützen kann. Idee, Form, Konstruktion, Material und Atmosphäre sollen am Schluss in einem kohärenten Verhältnis zueinander stehen.

«Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist,
und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.» Friedrich Schiller

Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich
Assistierende: Lorenz Jaisli, Timon Reichle, Franziska Wittmann
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Josef Perger, 
Anzahl Studierende: 18
Unterrichtssprache: deutsch,
Arbeitsweise: Einzelarbeit
Einführung: Dienstag, 15. September 2020, Atelier Gisel, 10 Uhr.
Download Semster Programm: PDF

Patnaul (Vrin). Urk. 1481 Padnaw, 1811 Petnau. Wohl Abl. von lat. pectinare `kämmen`.