ORTE SCHAFFEN XXIV | FS 21 

Quinten 

Architektur aus einem Raumverständnis

Die Natur bestimmt das Leben der Menschen wesentlich. Mit der modernen Wissenschaft wurde das Verständnis von Natur grundlegend verändert. Der Versuch der Beherrschung, der Verdrängung und der Überformung zeigt sich als Illusion. Die Natur meldet sich zurück. Mit der Rebellion der Natur spüren wir zugleich, dass unsere Kultur nicht mehr im Raum aufgehoben ist. Das soziale Leben ist räumlich und medial entgrenzt. Ist ein Ausweg aus diesem Dilemma zu suchen oder eher ein Mitweg zu neuen Horizonten? Im abgelegenen Quinten gehen wir diesen Fragen nach.

Quinten ist eine Ortschaft am Walensee. Die Dorfbewohner sehen die Funktionalität und damit die Lebensfähigkeit des Dorfes als langfristig gefährdet. Die notwendige Dorfgrösse, die eine eigenständige Existenz garantieren soll, ist unrealistisch. Das föderalistische Prinzip in der Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, die Besiedlung auch an Orten zu erhalten, die eine kritische Grenze für einen funktionierenden Ort unterschritten haben. Die Nähe zum urbanen Raum verspricht weiterhin ökonomische Vorteile. Dörfer wie Quinten bekommen unter den veränderten Perspektiven aus anderen Lagern plötzlich Aufwind. Die ökologische Bedrohung unserer Umwelt und eine weltumspannende Pandemie haben die Sicht auf den Lebensraum verändert. Für Orte wie Quinten stellt sich die Frage: wird nicht gerade die physische Distanz zum Urbanen und ihre offensichtliche Andersartigkeit zum wichtigsten Potenzial? In diesem Paradigmenwechsel stellt sich nicht die Frage nach der Quantität (Einwohnerzahlen) sondern nach der Qualität (Befindlichkeit) der Veränderung. Wie könnte eine Entwicklung aussehen, die eine Existenz ausserhalb des Nur-Rationalen garantiert?

Einige Sozial- und Kulturwissenschaftler fordern aufgrund der ökologischen Folgen ein neues Raumverständnis. Diese Forderung führt in der Architektur umgehend zur Frage nach den Beziehungen von Raum und Ort. Wie denken wir im Raum Voraussetzungen zu schaffen für gute Orte? Als Bewohner des Raumes sind wir Teil einer undefinierten Fläche. Sie ist grenzenlos, eine Verflechtung verschiedener Welten. Um handlungsfähig zu werden müssen wir den Raum in kleineren Einheiten skalieren. Das Territorium unseres Wirkens und damit unserer Zuständigkeit wird damit bestimmt. Erst diese Überschaubarkeit ermöglicht Verantwortung und endet im besten Falle bei Bedeutungen und Werten. Dort befindet sich der Ort.

Im Prozess zu einem Raumverständnis ist es wichtig die Entitäten oder die Substanzen des begrenzten Raumes zu kennen – vorhandene und zu erwartende. Die Entitäten in Quinten sind das milde Klima, der stets sich drehende Wind, die ausgeprägte Topographie gebildet aus See und Berg, die besondere Vegetation, die begrenzte Erreichbarkeit und andere. Diese politisch zu aktivierenden Entitäten sind in der Agglomeration Zürich anders als in Quinten. Mit dem Erfassen der Eigenschaften dieser verschiedenen Entitäten kümmern wir uns um den Raum in dem wir uns ausdehnen. Bei der Entwicklung von kleineren Einheiten innerhalb der grossen Einheit sind wir kosmopolitische und lokale Akteure zugleich. Ein Verharren in einer autarken Welt wäre genauso verhängnisvoll wie lediglich die Sicht auf das Globale. Der Raum ist gegeben, er ist noch kein Ort. Im Raum handelt man politisch, am Ort sinnlich.

In einem neuen Raumverständnis muss es gelingen die Politik, die Raumplanung, die Ökonomie, den Tourismus, das Handwerk und die Architektur zu einem Konglomerat zusammenzuführen, in einem Gleichgewicht zu halten und auf ein gemeinsames Ziel auszurichten. Die Entwicklung muss von innen heraus gesteuert werden, aus der Nähe, nicht durch Strategien und universale Konzepte aus grosser Flughöhe. Dann nähern wir uns an einer (neuen) Kultur des Raumes.

Die architektonische Umsetzung im Lokalen ist ein Navigieren zwischen dem Wissen des Experten und dem lokalen Pragmatiker – dem Bauern oder dem Wetterprophet. Beide Haltungen sind für die Architektur nicht von direkten Nutzen – aber im Denkprozess sind sie unverzichtbar. Wir müssen die verschiedenen Akteure anhören. Der zu findende Ansatz steht jenseits von Expertenwissen und pragmatischer Rückständigkeit. Die Architektur muss auf ihre eigenen Mittel fokussieren. Nur dann kann sie eine Botschaft senden. Architektur kann das Leben nicht verändern, aber sie kann es bereichern.

Architektur kann das räumliche Verhalten mehr als nur stützen. Mit klugen Programmen und entsprechenden Formen fördert sie ein Verhalten im Raum. Eine Architektur im Sinne eines «Jenseits von Natur und Kultur» (Philippe Descola) ist eine Architektur, die die Zusammenkunft vom Menschlichen, vom Nicht-Menschlichen, vom Raum und Materie aktiviert und zum Nutzen für alle macht. Sie führt weg von der Sachlichkeit hin zu mehr Geschehnissen.

Im Wintersemester 2020 haben wir uns mit Quinten befasst. Die Studierenden waren frei, sie mussten keine Baugesetze berücksichtigen und keine raumplanerischen Verordnungen beachten. Das Ziel war die besonderen Eigenschaften des Ortes zu erfahren – den Wind, das Wetter, die im Raum eingeschriebenen Formen, das vorhandene Material, die Bedrohung und das Aufgehobensein. So glaubten wir dem Gegenüber, der Natur und der Kultur, gerecht zu werden.

Im kommenden Semester beschäftigen wir uns mit Projekten, die die Quintener in nächster Zukunft realisieren wollen: eine neue Hafenanlage als Verbindung von See und Dorf, ein Torkel um die Wertschöpfung der Weinbauern im Dorf zu erhöhen, eine Herberge, die die Grenzen von Eigentum und Besitz verschiebt und ein Raum als Beziehungsmoment zwischen innen und aussen. Das was Quinten anziehend macht darf durch Programm und Entwurf nicht verloren gehen. Architektur ist Realität und Utopie zugleich.

Wir bleiben unseren Zielen treu und wollen den Studierenden nicht eine bestimmte Art von Architektur vermitteln – sei es im Sinne von Methoden, Bildern oder Stilrichtungen. Zu entwickeln ist vielmehr eine für den Ort tragende Idee. Die Idee muss eine räumliche Entsprechung des Entwurfes sein. Der Fokus richtet sich im Verlauf des Semesters auf das verwendete Material und die Konstruktion, und darüber hinaus auf die räumliche Atmosphäre, die ein bestimmtes Ereignis unterstützen kann. Idee, Form, Konstruktion, Material und Atmosphäre sollen am Schluss in einem kohärenten Verhältnis sein.

Wir sind der Überzeugung, dass Architektur nur wirksam ist, wenn sie ihre Botschaft senden kann. Und Architektur tut das konkret: am Bauen. Die Kompetenz der Architekten ist das Bauen. Bauen heisst neben der ästhetischen Dimension aktuelle Probleme aufzuspüren und zu diskutieren.

In Quinten berühren sich die Interessen des Fachsemesters von Philip Ursprung und des Entwurfsstudios von Gion Caminada. Soll Quinten ein neues Freiluftmuseum werden, wo die Bewohner und Bewohnerinnen in eine Art von Museum leben? Oder kann die Diskussion um die Zukunft von Quinten als Modell dienen dafür, wie Stadt und Land, Zentrum und Peripherie, Lokales und Internationales, neu verstanden werden? Anfang der 1970er Jahre lancierte Lucius Burckhardt an der ETH das «Lehrcanapé». Ein Lehrstuhl sei für einen, ein Lehrcanapé mindestens für zwei, meinte er. In Quinten testen wir, wie sich diese Idee der Zusammenarbeit auf der Ebene Fachsemester / Entwurfsstudio weiterführen lässt.

Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich
Assistierende: Lorenz Jaisli, Timon Reichle, Franziska Wittmann
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Josef Perger, 
Anzahl Studierende: 18
Unterrichtssprache: deutsch,
Arbeitsweise: Einzelarbeit
Einführung: Dienstag, 23. Februar 2021.
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