ORTE SCHAFFEN XXVI | FS 22

Neue Zentren

Zentren haben seit Jahrhunderten das Leben in unseren Städten und Dörfern bestimmt. An diesen öffentlichen Orten wurden wichtige Entscheidungen getroffen. Die Zentren waren Markt- und Versammlungsort zugleich. Die formale bauliche Prägung war zudem eindeutig in einer Hierarchie, die im gebauten Kontext Orientierung bot.

Die Funktion und damit die Bedeutung der Zentren für das öffentliche Leben haben sich gewandelt. Die politische Willensbildung und die Funktion des Marktes finden vermehrt virtuell statt. Der physische Raum hat an sozialer Relevanz verloren. In der Stadt sind die Zentren oftmals institutionell besetzt oder als Büro- und Einkaufsareale eingerichtet. Im Dorf dienen sie als touristischer Anziehungspunkt. Die historischen Kerne sind mehrheitlich erhalten und wirken nach wie vor anziehend. Aus anthropologischer Sicht sind sie jedoch sinnentleerte Funktionsorte.

Können wir lebendige Zentren zurückgewinnen? Und inwiefern wären Zentren unter heutigen Bedingungen eine Bereicherung für das (öffentliche) Leben? Können sie Orientierung schaffen und zu mehr Verbundenheit mit einem Ort führen? Mit dieser Frage beschäftigen wir uns im Frühjahrssemester 2022. Um Erkenntnisse zu gewinnen, wenden wir uns der Agglomeration zu.

Die Agglomeration ist weder Stadt noch Land, oder sie ist beides. Mehrere Faktoren haben zu ihrem Erscheinungsbild geführt. Prägend für die Agglomeration sind die dynamischen Pendlerbewegungen. Die Vernetzung mit dem Umland wird ständig erhöht, was zu einer Verschmelzung von Stadt und Land führt. Andererseits wird der Ruf nach mehr Dezentralität hörbar.

Heutzutage gebaute Zentren sind mehrheitlich Räume mit spezifischen Funktionen, wie Gesundheitseinrichtungen, Einkaufsläden, Sportanlagen oder Räume für die Freizeitgestaltung. Vor allem die grossen Einkaufsareale werden als Mittelpunkte des öffentlichen Lebens propagiert. Der Andrang ist gross – der Markt ist schliesslich das Ziel des Flaneurs. Markt bedeutet aber im überkommenen Sinn Verhandlung. In den Einkaufszentren findet zwar ein Markt statt, es ist aber ein Markt ohne Handel, es ist ausschliesslich Konsum.

Aushandeln soll das Ziel der neuen Zentren sein, die wir uns vorstellen. Die dafür dienenden und gebauten Entitäten wollen wir unter jetzigen Wirklichkeiten finden. Einerseits sollen es Aneignungsräume oder Plätze sein, die Möglichkeiten für Ereignisse offenlassen oder solche fördern. Anderseits braucht es eine Ordnung, im Sinne einer klaren Bewirtschaftung. Wir stellen uns einen Ort vor, der vom Kommen und Gehen erfüllt ist.

Orte, die uns berühren sind Orte der Produktion. Produktionen führen gemäss Henri Lefebvres Theorie zu einer Produktion von Wissen und letztendlich zu einer Produktion von Werten. Produktion bedeutet in unserem Zentrum einen Austausch zwischen verschiedenen Akteuren. Die Allianz dieser Akteure können menschlicher und nichtmenschlicher Art sein – das Potenzial eines Ortes. Was das Potenzial und wer die möglichen Akteure sind, ist Teil der Entwurfsidee.

Wir sehen die Zentren in verschiedenen Agglomerationsgemeinden. Das Verhältnis von Distanz und Nähe zwischen den einzelnen Zentren wird von Bedeutung sein. Die Beziehung zueinander einerseits und die Eigenständigkeit anderseits sind Schlüsselmomente ihrer Wirkung. Jede Studierende, jeder Studierende bearbeitet einen Ort.

Das Entwurfsziel sind Räumlichkeiten, die für eine kritische und zugleich für eine offene Gemeinschaft sinnstiftend sind. In der Zeit der Renaissance finden wir referenzielle Ansätze, die auch heute aktuell sind.

Bildung von Gemeinschaft. Bedeutende Werke von Michelangelo wurden zuerst auf einem Platz in der Stadt gezeigt. Erst später wanderten sie in Schlösser oder Kirchen. Künstler und Volk waren einander nahe. Das Soziale beginnt mit dem Individuum. Und vielleicht gilt auch die umgekehrte Abhängigkeit.

Stadt-Land-Beziehung. Leon B. Alberti schreibt: «Die Stadt hat etwas, was ich unbedingt brauche, das Land auch, für mich aber ein bisschen mehr.» Auch damals finanzierte die Stadt das (gute) Leben auf dem Land. Das eine war unentbehrlich für das andere.

Statt Gräben zu schaufeln, sollten wir Brücken bauen.

Sinn und Verstand. Leonardo da Vinci kann seinen feinen sinnlichen Wahrnehmungen mit dem Pinsel einen Ausdruck geben und erreicht mit der Mona Lisa ein künstlerisches Niveau, das heute Millionen anzieht. Eine grosse Zahl von Tagen und Nächten seines Lebens verbringt er auch damit, sich zu überlegen, wie man z.B. Wasser über Hindernisse hinweg von A nach B bringt. Die zugehörigen technischen Erfindungen sind auf hohem Niveau.
Gerade eine doppelte Art des Suchens und Hinschauens ist dem Architekturschaffen dienlich.

Es ist nicht unser Ziel, diese Zeit zurückzugewinnen. Orte schaffen meint, unter heutigen Wirklichkeiten einen Beitrag für ein gutes Leben zu leisten.

Entwerfen ist ein Navigieren zwischen unterschiedlichen Sphären. Fester Bestandteil im Semester sind Dienstagabendgespräche mit Gästen. Der Schwerpunkt unseres transdisziplinär aufgebauten Austausches liegt im Semester auf möglichen Werkzeugen und Mitteln des Entwerfens. Diese führen von der Entelechie (der alten Annahme, dass in den Materialien und Dingen natürliche Bestimmungen liegen) über die stoische, aber auch Husserls Epoché (schnelle eigene oder auch überkommene Urteile aussetzen für die Erkenntnis des Wesens der Dinge) zu Kants Idee der interessenlosen Schönheit und zu weiteren Werkzeug-Begriffen. Wir werden diese Begriffe an praktischen Situationen überprüfen.

Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich
Assistierende: Lorenz Jaisli, Timon Reichle, Franziska Wittmann
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Josef Perger
Anzahl Studierende: 22
Unterrichtssprache: deutsch
Arbeitsweise: Einzelarbeit
Einführung: Dienstag, 22. Februar 2022, Atelier Gisel, 10 Uhr.
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