ORTE SCHAFFEN XXV | HS 21 

Falera 

Dorf – Versuche nach der Schicksalsgemeinschaft

Es gibt Orte die uns berühren. Die Bedingungen, die dazu geführt haben waren sehr unterschiedlich. In den Bergregionen beispielsweise wirkte fremdes Kapital an bedeutenden Handelsrouten oder an der Basis von Passübergängen, an anderen Orten die Macht von Glauben und Religion. In abgelegenen Regionen waren die Lebensbedingungen sehr bescheiden. Durch die beschränkte Verfügbarkeit an Materialien mussten die Menschen erfinderisch sein. Die Handlungsmöglichkeiten waren nicht grenzenlos. Es galt, die in den Materialien eingeschriebenen Gesetzmässigkeiten zu beachten. Aus der Wiederholung des Fast- Gleichen entstand die Kraft eines Ortes und ihrer Architekturen.

Viele Bergdörfer waren in einer ähnlichen Situation. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts kam es zu grossen Veränderungen. Vor allem der Tourismus und die Hotellerie, etwas später dann der Zweitwohnungsbau führten zu einem bescheidenen Wohlstand. Die neuen Möglichkeiten hatten einen radikalen Rückgang der landwirtschaftlichen Existenzen zur Folge. Die sozialen Dorfstrukturen und der Einfluss der Kirche sind gefallen. Die Befreiung von diesen mächtigen Fesseln war für viele eine Erleichterung. Wirkungen blieben nicht aus. Individuelle Lebensformen und das Verschwinden eines lokalen Erfahrungswissens führten zu einer Nivellierung der Erscheinungen im ganzen Alpenraum. Die Kraft eines spezifischen Ortes wurde weitgehend aufgelöst.

Die gewonnene Freiheit hat auch eine Kehrseite. Der Wertekanon, der die Kultur des Raumes auszeichnete ist verschwunden. Leitlinien einer Orientierung stehen immerzu in Frage.

Auch im bündnerischen Dorf Falera fand der grosse Wandel statt. Das kleine Bauerndorf wurde zu einem touristischen Ort. Falera sieht sich noch immer gerne als Bauerndorf. Die Landwirtschaft ist nach wie vor präsent. Mit dem Wandel sind die Bauern an den Dorfrand gezogen. Die Ställe im Dorfkern stehen leer oder wurden umgenutzt. Ferienhäuser wurden im Stil der Bauernhäuser gebaut. Die Entität Stall, früher ein unentbehrliches Element der bäuerlichen Typologie, wurde durch die Autogarage ersetzt. Das Dorf musste anderen Bedürfnissen entsprechen. Beim Bau neuer Einfamilienhäuser wurde mit wenigen Ausnahmen ein universeller, ungebundener Baustil übernommen. Das Dorf Falera ist heute nicht primär von den Bedingungen des Ortes geprägt – von Topographie, Klima etc. – sondern von verschiedenen Interessen und Präferenzen. Für viele ist das Dorf nicht ein existenzieller Ort, sondern ein Sehnsuchtsort. Das Paradox: das was anziehend war, wird kontinuierlich aufgelöst.

Falera steht an einem Wendepunkt. Der Zweitwohnungsbau ist durch eine Volksinitiative vorerst eingedämmt. Die rege Bautätigkeit der letzten Jahre hat Bauland zu einem knappen Gut gemacht. Die neue Raumpolitik will vorerst kein neues Bauland einzonen – die Dörfer sollen nach innen verdichtet werden. Das ist sowohl aus einer raumplanerischen wie aus einer sozialen Perspektive eine grosse Herausforderung. Trotz dieser Tatsachen will die Gemeinde Falera alles unternehmen, um den Menschen, die ihre Zukunft im Dorf sehen, ein Daheim zu ermöglichen. Die politische Gemeinde, die Bürgergemeinde und die Kirchgemeinde verfügen über mehrere noch nicht überbaute Parzellen. Es gilt diese nun mit Bedacht zu planen. Die Gemeinde macht sich in diesem Sinne Gedanken über zukünftige Bebauungs- und Wohnformen.

Im Herbstsemester 2021 gehen wir in Falera der Frage nach, ob in unserer Zeit des individuellen Handelns und des uneingeschränkten Zugriffs auf Materialien, Orte entstehen können die uns zu begeistern vermögen. Im Entwurfsprozess stellen wir die Frage was die Architektur leisten kann? Architektur kann das Leben nicht verändern. Wir glauben aber, dass eine Architektur mit grösserer Entschiedenheit unser Handeln beeinflussen und eine kulturelle Orientierung geben kann.

Ein Ort ist mehr als ein Bild, es ist das Produkt der Menschen, die dort leben. Was wäre nun das Dorf als Ort dieser veränderten Gemeinschaft? Wie sieht eine Entsprechung von Lebenswelt und Raum aus, die in einer Balance zwischen Freiheit und Bindung steht? Gibt es das Gemeinsame, das die unterschiedlichen Sichten verbindet und zu einer wirksamen Idee führen kann? Können wir in Zukunft diese unterschiedlichen Kräfte bündeln, damit der Ort nicht erodiert?

Entlang solcher Fragen entwerfen wir neue Bauten und Ensembles in Falera. Häuser zum Wohnen, zum Arbeiten und für die Freizeit. Replikationen von traditionellen Formen genügen nicht. Auch mit strengsten Bauregeln liesse sich der Verlust der Erscheinungskraft nicht aufhalten. Starke Bauten sollen neue Anhaltspunkte und sinnstiftende Orte im Dorf entstehen lassen. Durch ihre Kraft und Präsenz soll die Wirksamkeit des Mittelmässigen gemindert werden. Das Ziel ist ein Ort, der berührt. Ein starker Ort ist mehr als die Ansammlung von schönen Objekten. Dieser Komplexität wollen wir in Falera nachgehen.

In der Lehre bleiben unseren Zielen treu und wollen den Studierenden nicht eine bestimmte Art von Architektur vermitteln – sei es im Sinne von Methoden, Bildern oder Stilrichtungen. Zu entwickeln ist vielmehr eine für den Ort tragende Idee. Die Idee muss eine räumliche Entsprechung des Entwurfes sein. Der Fokus richtet sich im Verlauf des Semesters auf das verwendete Material und die Konstruktion, und darüber hinaus auf die räumliche Atmosphäre, die ein bestimmtes Ereignis unterstützen kann. Idee, Form, Konstruktion, Material und Atmosphäre sollen am Schluss in einem kohärenten Verhältnis sein. Wir sind der Überzeugung, dass Architektur nur wirksam ist, wenn sie ihre Botschaft senden kann. Und Architektur tut das konkret: am Bauen. Die Kompetenz der Architekten ist das Bauen. Bauen heisst neben der ästhetischen Dimension aktuelle Probleme aufzuspüren und zu diskutieren.

Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich
Assistierende: Lorenz Jaisli, Timon Reichle, Franziska Wittmann
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Josef Perger
Semesterbegleitung Gemeinde Falera: Alicia Martinez
Anzahl Studierende: 18
Unterrichtssprache: deutsch
Arbeitsweise: Einzelarbeit
Einführung: Dienstag, 21. September 2021, Atelier Gisel, 10 Uhr.
Kritiken: finden teilweise in Falera statt und sind öffentlich.
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