D-ARCH spacer Professor Gion A. Caminada
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ORTE SCHAFFEN

ist ein Projekt für den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Handwerk, Architektur und anderen Disziplinen. Die Kernidee besteht darin, Räume zu schaffen, die einen unmittelbaren Bezug zu ihren Bewohnern haben. Wir vertreten die Überzeugung, dass der Mensch erst aus dem Überschaubaren heraus fähig und bereit ist, wirksame Motivationen zu entwickeln und schlussendlich Verantwortung für den eigenen Ort und für die Umwelt zu übernehmen. Dabei sind wir uns bewusst, dass dieses Überschaubare nicht für alle Aspekte der menschlichen Existenz in dieser Welt steht. Das Projekt Orte schaffen will an spezifischen Themen forschen, die uns bewegen und die als verantwortlich für die Vernichtung von Differenzen und kultureller Vielfalt betrachtet werden. Die Kooperation zwischen Forschern, Spezialisten aus den verschiedensten Fachgebieten, Lehrern und Studierenden, Planern und Entscheidungsträgern wird gesucht und soll möglichst konkret und praxisorientiert sein.

 

Tgamanada

 

ORTE SCHAFFEN XX | FS 19

 

Dimora – ein Haus für den Ort

 

Es schneit in Tgamanada.

 

Tgamanada ist die hinterste noch bewohnte Siedlung im Val Lumnezia. Das kleine Dorf besteht aus drei Häusern und einigen Ställen. Früher lebten mehrere Familien am Ort, heute sind es noch zwei Personen. Oberhalb der Siedlungsmulde ist es steil. Die Ruine eines ehemaligen Stalles ist gut sichtbar. Eine erhöhte Geländekuppe ermöglicht unterschiedliche Sichten in die Landschaft, solche die kontroverse Eindrücke assoziieren.

 

Frontal zur Fallrichtung des Geländes steigt der Berg beinahe vertikal 1600 Meter empor. An mehreren Stellen krallt sich der Wald an den Fels. Ab einer bestimmten Höhe fehlen den Bäumen Nährstoffe. Dort wirkt die Fläche kahl rasiert um sich in scharfen Felskanten am Horizont aufzulösen. Das Gebiet ist während der Winterzeit schwer zugänglich. Im Sommer beweiden Schafe das Gelände, vereinzelt gehen Berggänger dorthin.

 

Oberhalb der Geländekuppe breitet sich die Kulturlandschaft mit ihren zerstreuten Ställen aus. Diese Bewirtschaftungsmethode heisst Stufenlandwirtschaft. Früher gingen die Bauern mit ihrem Vieh von Stall zu Stall. Tiefe Schneepfade, wie Kanäle, haben die Talsohle mit den Ställen verbunden. Die Landschaft wird heute noch bewirtschaftet, weniger intensiv. Viele Ställe werden nicht mehr gebraucht.

 

Nach Osten öffnet sich der Blick ins Val Lumnezia. Die Fernsicht scheint den hintersten Ort mit der weiten Welt zu verbinden. In dieser Richtung haben viele Menschen das Tal verlassen – früher selten freiwillig. Die gute Erschliessung und die Mobilität ermöglichen heute ein Kommen und Gehen. Wenige bleiben, viele gehen; die Zentren sind anziehend.

 

In Richtung Westen ist die Topographie stark coupiert. Diese Landschaft ist im Gegensatz zu den drei anderen schwieriger zu beschreiben. Sie trägt fast metaphysische Züge. Früher war dieser Übergang über die Hochebene Greina ein wichtiger Handelsweg nach Süden. Später bestand die Absicht auf der Greina einen Stausee zu bauen. Nach vehementen Protesten wurde auf das Werk verzichtet. Die Greina ist in der Schweiz zu einem Symbol für den Naturschutz geworden. Im Sommer strömen viele Wanderer in die Greina. Im Winter ist die Ebene nahezu menschenleer.

 

Die ersten Siedler kamen im 12. Jahrhundert nach Tgamanada. Die Landschaft war seither stets im Wandel. Dieser Wandel wurde bis vor Kurzem von räumlichen und zeitübergreifenden Stabilitäten gestützt. Bestimmend für die Lebensformen waren die Jahreszyklen. Ihre Prägungen sind in der Landschaft lesbar. Die Menschen haben nach Möglichkeiten gesucht um der Natur zu trotzen. Entstanden ist eine Kultur des Raumes. Glaube, Natur und Gemeinschaft waren die drei Hauptstützen des Raumes. Der achtsame Umgang mit ihnen gab Geborgenheit und Sicherheit. Eine Trennung zwischen Natur und Kultur kannten die Menschen nicht. Das war bis vor etwa fünfzig Jahren. Die Mechanisierung und die Rationalisierung der Landwirtschaft haben seither vieles verändert und vereinfacht. Die Mobilität und die Netzwerke der Informationen brachten die Welt nach Tgamanada. Die Praktiken, die die Kultur diese Raumes bestimmt haben sind verschwunden.

 

Es schneit stärker.

 

Diese damalige Zeit wünschen sich die wenigsten zurück. Höchstens diejenigen, die sie nicht gelebt haben und erdulden mussten. Der bewusste Wandel war in der Regel auch ein Befreiungsschlag aus einer bestehenden Ordnung hin zu einer besseren Existenzform. Der Wandel ist immer auch Fortschritt. Fortschritt heisst nicht, dass alles besser ist. Ein offensichtlicher Wandel scheint in Tgamanada zurzeit nicht anzustehen. Was ist der Ort dann und was hat er für eine Bedeutung wenn kein Wandel und damit keine Entwicklung in Sicht ist?

 

Wer sich politisch in einer verantwortungsvollen Weise mit dem Bergebiet und mit solch besonderen Orten wie Tgamanada beschäftigt, kommt in der Regel an der Frage der Potenziale nicht vorbei. Potenzial (von lat. potentia: Stärke, Macht) bedeutet eine Fähigkeit zur Entwicklung noch nicht ausgeschöpfter Möglichkeiten. Diese Potenziale sind in der Gegenwart vor allem ökonomischer Art. Da können Orte wie Tgamanada nicht mithalten. Die gegenwärtige Vorstellung, einzig den dynamischen Regionen eine Existenzberechtigung zuzuschreiben und die strukturschwachen Talschaften auszuklammern, greift zu kurz. Die gegenseitigen Verflechtungen, die zwischen Stadt und Berg schon immer geherrscht haben, müssen in der Entwicklung berücksichtigt werden – sie sind zu revidieren. Es ist paradox, uns geht es eigentlich immer besser, gleichzeitig wächst die Unsicherheit und damit das Vertrauen – eine Art der Entwurzelung ist spürbar. Sicherheit basiert nicht einzig auf Rationalität und auf berechnendem Denken. Der Traum einer besseren Welt hat mehrere Standbeine – die Realität und deren dialektischen Gegensatz, die (konkrete) Utopie.

 

Der Physiker Hanspeter Dürr sagt: «Wirklichkeit nach der neuen Auffassung ist nicht Realität – Realität als das, was sich aus Dingen zusammensetzt –, Wirklichkeit ist Potenzialität». Auch kulturelle, wirtschaftliche und soziale Wirklichkeiten werden wesentlich bestimmt von dem, was in ihnen an Möglichkeiten gesehen wird. Manche sehen für die ländliche Peripherie wenig Möglichkeiten. Es gibt aber eine Wirklichkeit in Tgamanada und damit auch ein Potenzial. Um diese Möglichkeiten zu sehen, ist eine Wahrnehmung gefordert, für das, was der Ort, die Umgebung, die Interaktionen mit der Natur und den existentiell vernetzten Gemeinschaften bieten können. Um daraus eine tragende Idee für den Ort zu entwickeln, müssen wir uns von vorgedachten Denkmustern trennen. Bei der Entwicklung von Ideen ist es wichtig die allgemeinen Tatsachen in seinen genauen Formen festzuhalten, erst dann ergeben sich Möglichkeiten einer Veränderung.

 

Was haben Orte wie Tgamanada in der Gegenwart für einen Sinn? Wenn nach innen keine auszuschöpfenden Möglichkeiten von Interesse sind, hat ein Ort wie Tgamanada dann nach aussen etwas zu vermitteln? Impulse für das Leben kommen auch aus Situationen, die in Differenz stehen zum eigenen Alltag. Könnte es gelingen aus einem Ort wie Tgamanada Impulse in die Zentren zu senden, um dort Mehrwerte zu schaffen? Was sind tragfähige Substanzen für ein solches Potenzial, was sind die Entitäten und wie können sich diese verbinden?

 

Wenn es gelingt, Politik, Raumplanung, Ökonomie, Tourismus, Handwerk und Architektur zu einem Konglomerat zusammenzuführen und auf ein gemeinsames Ziel auszurichten, dann sind wir näher an einer (neuen) Kultur des Raumes. Die Kompetenzen der Einzeldisziplinen müssen einen eigenständigen Ausdruck bekommen um dann einen Beitrag zu leisten.

 

Die geforderte Sicherheit und Zugehörigkeit liegt in der Kultur des Raumes. Die Wiederfindung einer Entsprechung von Lebenswelt und Raum ist keine nostalgisch anmutende Rückkehr in eine damalige Welt. Es ist keine Rückkehr in einen Raum, in dem man Aufgehobenheit und Geborgenheit vermutet. Es ist auch keine Abschottung in eine Lokalität oder das Streben nach einem Lokalismus mit Denkmustern, die nur auf sich selbst fixiert sind. Der damalige Kulturraum war auf ein eng gefasstes Territorium bezogen, es waren Autarkien. Das ist heute undenkbar. Die Welt ist zusammengerückt. Somit muss der Raum weltbezogen sein. Die Aufmerksamkeit ist jedoch auf den besonderen Ort gerichtet. Nur dann entsteht eine Überschaubarkeit. Eine Zugehörigkeit zur Erde, die notwendig ist um Sorge zu tragen und Verantwortung für den Ort zu übernehmen. Wir können zurückschauen und von Erfahrungen profitieren, entscheidend ist jedoch die Gegenwart, in gewisser Hinsicht auch ihre Überwindung. Was da ist geschieht.

 

Was kann die Architektur in diesem Prozess leisten? Die Architektur der Zukunft soll eine Architektur der Beziehung sein. Beziehungen entstehen durch die Nähe zu den Menschen und zu den Dingen. In deren Verstehen und Begreifen lösen sich die wesentlichen Fragen der Architektur; der Umgang mit der Topographie, mit Konstruktion und Material, mit Bautypen und ihren Hierarchien. Über ihre materielle Eigenart hinaus sind diese Dinge eingebunden in Bedeutungen, Emotionen und Ereignisse. Eine wirkungsvolle Architektur muss autonom sein. Erst dann kann sie Beziehungen einfordern. Diese Autonomie soll aber nicht auf sich selbst begrenzt sein, sie soll vom Ort genährt sein. Gefordert ist eine Autonomie, die vom lokalen Kontext und seinen Bedingungen, aber auch von den äusseren Einwirkungen getragen wird. Dann wird die Architektur sinnstiftend für die Kultur des Raumes. Autonomie und Nähe schaffen Freiraum – für eine Architektur der Resonanz am spezifischen Ort.

 

Starke Orte stehen in einer Beziehung zu dem was ausserhalb liegt. Sie stehen auf dem Boden, auf der Erde, in Beziehung zu den natürlichen Bedingungen des Ortes. Gefordert sind neue Beziehungen und eine Freiheit die nicht Willkürlichkeit meint, sondern eine Bezogenheit zu den Möglichkeiten des Ortes einschliesst.

 

Es hat aufgehört zu schneien, der Zuffel [der Wind aus der Greina] kommt.


Ich stehe auf der kleinen Kuppe und bilde mir ein zu wissen was an diesem Ort geschehen ist, was jetzt ist, und ich stelle mir vor was es sein könnte. Ich sehe die schroffe, nicht begehbare Felswand. Hier wird klar, für den Betrachter ist eine gewisse Distanz Voraussetzung um die Faszination des Erhabenes zu empfinden. Ich sehe die in den Schneemassen versunkenen Ställe. Sie werden bald verschwinden und damit sind die Spuren einer Lebensform ausgelöscht, die vor allem für diejenigen, die sie nicht gelebt haben romantisierend wirkt. Ich sehe das weite Tal und spüre die Faszination der Fremde. Ich vermute die Greina hinter dem Horizont und verstehe die nie einlösbare Sehnsucht der Menschen.
Erfahrungen, Wissen, Nichtwissen, Emotionen, Trauer, Wut, Hoffnungen, Zuversicht, Krisen, Trost, Geheimnisse, Zweifel, Transzendenz. Diese Begriffe pulsieren in mir, zwischen Wirklichkeit und Utopie – sie weisen über das Gegebene hinaus. So beginnt der Entwurf.


Im FS 2019 entwerfen wir in Tgamanada die Dimora. Im Romanischen heisst dimora zwar primär wohnen aber ebenso sich aufhalten, verbleiben, auf kürzere oder längere Zeit, nicht auf ganz kurze Zeit. Eine Metapher für die Dimora ist das Kloster. Die Dimora ist ein Haus für die Forschung über die Zukunft der Bergregionen. Die Dimora ist auch ein Haus der gelebten und gedachten Sorgfalt. Die Dimora ist ein Ort des Handwerkes, aber auch ein Ort des Ausblicks auf Lebensformen. Sie ist ein Ort der möglichen Beziehungen, der Beziehung zwischen den Menschen und der Beziehungen zwischen den Menschen und den Dingen. Die Dimora soll an diesem besonderen Ort sinnstiftend sein. Sie soll den Menschen, die das Haus bewohnen einen Möglichkeitssinn bieten.


Wir werden uns systematisch mit den wesentlichen Elementen dieser Bauaufgabe beschäftigen. Von der Gründung eines neuen Ortes, über mögliche Beziehungen vom architektonischen zum Landschaftsraum, vom Umgang mit der Topographie, über die Kraft des architektonischen Raumes, vom Material und der sinnvollen Konstruktion. Ziel ist das Schaffen einer Architektur des Ortes, erdverbunden und welthaft zugleich. Ein Äquivalent zur universellen Ästhetik.

 

Historiker, Ökonomen, Mönche, Pfarrer, Filmemacher, Ingenieure und Architekten werden uns im Semester unterstützen.

 

Es ist still.

 

Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich

Assistenten: Lorenz Jaisli, Timon Reichle, Franziska Wittmann

Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Josef Perger

Anzahl Studierende: 18

Unterrichtssprache: Deutsch

Arbeitsweise: Einzelarbeit

Aufgabentyp: Entwurf (LV 052-1102-19)

Einführung: Dienstag, 19. Februar 2019, Atelier Gisel, 10 Uhr.

 

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14.02.2019 webmaster@arch

 

 
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