D-ARCH spacer Professor Gion A. Caminada
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer
spacer

ORTE SCHAFFEN

ist ein Projekt für den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Handwerk, Architektur und anderen Disziplinen. Die Kernidee besteht darin, Räume zu schaffen, die einen unmittelbaren Bezug zu ihren Bewohnern haben. Wir vertreten die Überzeugung, dass der Mensch erst aus dem Überschaubaren heraus fähig und bereit ist, wirksame Motivationen zu entwickeln und schlussendlich Verantwortung für den eigenen Ort und für die Umwelt zu übernehmen. Dabei sind wir uns bewusst, dass dieses Überschaubare nicht für alle Aspekte der menschlichen Existenz in dieser Welt steht. Das Projekt Orte schaffen will an spezifischen Themen forschen, die uns bewegen und die als verantwortlich für die Vernichtung von Differenzen und kultureller Vielfalt betrachtet werden. Die Kooperation zwischen Forschern, Spezialisten aus den verschiedensten Fachgebieten, Lehrern und Studierenden, Planern und Entscheidungsträgern wird gesucht und soll möglichst konkret und praxisorientiert sein.

 

Diari d`Origen, Photograph: Benjamin Hofer

Diari d`Origen, Photograph: Benjamin Hofer

 

ORTE SCHAFFEN XIII | HS 15

 

Idee Origen

 

Vieles ist in Bewegung. Zudem belasten Existenzängste und ein innerer Erwartungsdruck die Gesellschaft. Die Stabilität, die für das Gefühl von Zugehörigkeit und Vertrautheit unverzichtbar bleibt, schwindet zunehmend. Auch in der Schweiz bewegt sich vieles. Die Metropolisierung ist ungebrochen. Seit vielen Jahren findet eine Abwanderung aus dem Berggebiet in die Zentren statt. Diese Prozesse wurden früh erkannt und mit Gegenmassnahmen bekämpft. Die Tendenz der Schrumpfung konnte dennoch nicht verhindert, höchstens etwas verlangsamt werden. Mit dem Begriff «potenzialarme Räume» werden auf der Landkarte Regionen bezeichnet, die ausschliesslich nach ökonomischen Kriterien bewertet werden. Auch das ETH Studio Basel hat in seinem städtebaulichen Porträt die Schweiz in verschiedene Territorien eingeteilt. Im alpinen Raum ist die Brache vorherrschend. Die eingeschränkte Perspektive wird als das grösste Problem der alpinen Brache gesehen. Darin treten zwei wesentliche Charakteristiken hervor - die fehlende touristische Attraktivität und ihre grössere Distanz zu den Zentren. Die alpine Brache wird allerdings im Kontext Schweiz als Problemlage und als Potenzial zugleich eingestuft. Ein Rückzug der Kulturlandschaft müsse volkswirtschaftlich nicht in jedem Fall als Verlust bilanziert werden. Tatsache ist, dass die aktuelle Unterstützungspraxis von vielen in Frage gestellt wird. Die aktuelle Siedlungs- und Wirtschaftspolitik des Berggebietes steht sozusagen an einem Wendepunkt.

 

Auch wir betrachten den Schwund im Alpenraum nicht als Tragödie. Siedlungen in peripheren Lagen wurden immer wieder verlassen und aufgegeben. Mehr Sorge bereitet uns die Resignation und die nachfolgende Gleichgültigkeit. In unserem Programm «Orte schaffen» vertreten wir entschieden die Meinung, dass erst der überschaubare Raum und die Nähe zu den Dingen eine solche Hoffnung und Motivation verspricht, die notwendig ist um Verantwortung für den eigenen Ort und für die Umwelt zu übernehmen.

 

Selbstverständlich kann man Gebiete nach mechanistisch-funktionalem Denken und in Kategorien einteilen. Der ganzheitliche Lebensraum, so wie wir uns diesen vorstellen, kann jedoch nicht einzig nach rationalen Kriterien beurteilt werden. Dieser Kulturraum ist die Zusammenkunft von Bildern und Oberflächen aus der Dichte von Gedachtem, Erfahrenem und dem Kalkül des Möglichen. Das Ziel ist eine Deckungsgleichheit von wirtschaftlichen und kulturellen Phänomenen, von rationalen und sinnlichen Aspekten.

 

Was können und was wollen wir tun? Diese Tendenzen als unausweichliches Schicksal akzeptieren oder den Verlusterfahrungen Folge leisten und an gescheiterten Prinzipien festhalten? Es gibt ein Drittes - den Traum der kulturellen, sozialen und architektonischen Utopie, die über dieses scheinbar Gegebene hinausweist. Wir entscheiden uns dafür und fügen auf der Karte im städtebaulichen Porträt zu der Brache und den alpinen Ressorts ein drittes Territorium hinzu. Einen Raum präzise abgesteckter und doch individuell offener Handlung bezeichnen wir als «Idee». Eine solche Auffassung von «Idee» hält konkrete, wohldefinierte Schritte für wichtig, zugleich eine Richtungsangabe für Folgeschritte – die Idee als etwas, das durch den Willen des Menschen geprägt und getragen ist. Die Wirksamkeit einer Idee zeigt sich dann, wenn ein spezifisches, imaginiertes Ereignis erstens den Entwurf anleitet und zweitens dieses Ereignis auch von der Baustruktur und den Menschen getragen wird.

 

Damit die Ideen nicht beliebig produzierbar werden, erachten wir die Differenz als ein fruchtbares Leitmotiv für das Denken und Handeln. Die Differenz an sich ist letztendlich nur ein Werkzeug. Entscheidend ist die wirksame Kraft am Ort, die zur Identität führt: Identität als das, was durch natürliche Eigenschaften, Spezifitäten, durch Zufälle und durch das Können und aufmerksame Dasein des Menschen geformt wird.

 

Ein Blick in die Vergangenheit beweist, dass Raumplanungsstrategien, Baugesetze, Reglementierungen für ein quantitatives Masshalten sinnvoll sein können. Qualitätsvolle Architekturen oder Landschaften von einer Wirksamkeit, die den aktuellen Zeitgeist überdauern, werden allerdings durch solche Verhaltensweisen nicht hervorgerufen. Wir sind überzeugt, dass erst die breit gestützte Idee, unabhängig davon ob deren Ausgangspunkt nun ein architektonischer, ein sozialer oder ein kultureller ist, die Menschen zu berühren vermag, dass sie entscheidende Impulse für einen ganzheitlichen Ort auslösen kann.

 

Gerade in alpinen Regionen scheinen Ideen einfacher umsetzbar zu sein. Die immer wieder erwähnten Defizite - schlechte Erreichbarkeit, zu kleine Bevölkerungszahl oder die zu grosse Distanz zu den Zentren - verlieren im ganzheitlich gedachten Ort an Relevanz und können sogar zum Standortvorteil werden. Das Mass der Distanz sagt nichts über die Intensität einer Beziehung aus. Ernsthafte Beziehungen gründen auf autonomen Einheiten und funktionieren nur zwischen eigenständigen Partnern. Solche Beziehungen zwischen Stadt und Land werden für das Wohlergehen der Gesellschaft zunehmend wichtiger sein.

 

Giovanni Netzer ist Gründer und Intendant des Theaterfestivals Origen. Origen ist rätoromanisch und heisst Herkunft. Origen arbeitet mit alten Theaterformen und setzt sie in eine neue Zeit. Das Festival findet alljährlich im Bergdorf Riom statt und ist zu einem der wichtigsten Kulturanlässe des Alpenraumes geworden. Origen beschäftigt sich heuer und in den kommenden Jahren mit dem Exodus und bringt das Thema vom Verlassen der Heimat und der Suche nach einer besseren Zukunft im Anderswo auf der Bühne. «Nicht nur auf der Bühne sei Heimat wichtig», sagt Giovanni Netzer. Origen möchte seinen Künstlern und Mitarbeitern ein Zuhause bieten.

 

Wir werden uns im Semester mit der Idee «Origen» beschäftigen und zusammen mit Giovanni Netzer versuchen einen Beitrag zu einer Verdichtung zu erreichen. Wie kann das Zusammenleben von Dorfbewohnern und Origens Künstlern, Gästen und Mitarbeitern weitergedacht werden? Welche Wohnformen vermitteln den Bewohnern Geborgenheit? Mit diesen Fragen werden wir uns beschäftigen und an mehreren Orten im Dorf Riom Wohnräume entwerfen.

 

Die Beschäftigung mit Origen soll uns in der Gewissheit stärken, dass die Welt der Ideen noch nicht vorbei ist. Im Gegenteil, wir sehen die Idee als das wichtigste Werkzeug um Orte zu schaffen. Ideen, die uns berühren und unsere Verhaltensweisen prägen, den Willen stärken, Sinn geben.

 

Im Vorfeld werden wir realisierte und gedachte Ideen aufspüren und darüber diskutieren. Wir wollen wissen, was der Ausgangspunkt, wer die Akteure waren, welche Ziele gesetzt wurden und was die Idee bewirkt hat. Fachleute und Spezialisten werden uns bei dieser komplexen Aufgabe begleiten und uns die Nähe zu den Dingen vermitteln, aus denen diese Architektur entspringt.

 

Wir denken über die Welt der Ideen nach - wir denken über die Zukunft der Schweiz nach.

 

Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich

Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Josef Perger

Anzahl Studierende: 16

Unterrichtssprache: Deutsch

Arbeitsweise: Einzelarbeit

Aufgabentyp: Entwurf (LV 051-1101-15, 13KP) mit integrierter Disziplin Konstruktion, Dozentur D.Mettler/D.Studer (LV 051-1201-15, 3 KP)

Einführung: Dienstag, 15. September 2015, 10.00 Uhr in Riom.

 

Diskussionsveranstaltung:
Discuors III Atelier Gisel, Dienstag, 8. Dezember 2015, 19.00 im Atelier Gisel, PDF

 

Download Semester-Programm: PDF


19.08.2015 webmaster@arch

 

 
spacer ETHLogo