D-ARCH spacer Professor Gion A. Caminada
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Der andere "Landwirt"

Edmund Husserl schreibt in Die Kritik der europäischen Wissenschaft und die transzendentale Phänomenologie: “Die Ausschließlichkeit, in welcher sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts die ganze Weltanschauung des modernen Menschen von den positiven Wissenschaften bestimmen und von ihr verdankten „prosperity“ blenden ließ, bedeuten ein sich Abwenden von den Fragen, die für ein echtes Menschentum die entscheidenden sind. Bloße Tatsachenwissenschaften machen bloße Tatsachenmenschen.” Diese Wissenschaft habe uns nichts zu sagen, weil sie unseren Entscheidungen zwar Datenmaterial, nicht aber eine Richtung geben kann.

 

Ähnlichkeiten zur Wissenschaft, zu einer bloßen Wissenschaft von physikalischen Körpern und deren Erscheinungsbild, beobachten wir in der Architektur, die einem Zeitgeist mit kurzsichtigen Sequenzen unterliegt. Sie wird gesteuert von ökonomischen, technischen und intellektuellen Fakten und ist dabei geprägt von fehlendem präzisem Nachdenken über Sinn und Wert. Der Boden, der uns die Sicherheit gibt, in Zusammenhängen zu denken, scheint abwesend zu sein. Die Realität manifestiert sich in Bildern von vorgefertigter Interpretation, intellektuellem Erfinden und zwanghaftem Streben nach Originalität. Anstelle umfassenden Wissens stellen wir fest, dass das Feld zunehmend von Spezialisten erobert wird. Eine solche kurzsichtige Denkart beobachten wir beispielsweise im Umgang mit Energiefragen. Dort reduziert sich das Interesse auf Technik und Hülle statt auf Raumfügung und Gebäudestruktur. Oder beim Bau von touristischen Anlagen heißt das Zauberwort Rendite und man kümmert sich wenig um die Frage eines dauerhaften Wohlstandes.

 

Das hier fehlende Wertsetzen, mit Bezug zu einem größeren Zusammenhang, braucht eine Kultur im Sinne der Pflege des Wertens, die man vernachlässigt hat, weil Werte nicht objektiv setzbar sind, also mit dem Instrumentarium der Wissenschaft nicht etablierbar sind. Eine Architektur mit dem Anspruch auf Kultur muss in der Lage sein, von sich aus solche Probleme zu erkennen und diese fortlaufend aufzulösen. Da Architektur für den Menschen gemacht wird, muss dieser selbst stärker ins Zentrum der Betrachtung rücken. Nebst der Beschäftigung mit den sichtbaren gesellschaftlichen Realitäten, sollen auch die vorerst unfassbaren zielgerichtet anvisiert werden. Eine Architektur, die sich auf solche Grundlagen stützt und zwischen diesen verschiedenen Realitäten vermittelt, produziert ein eigenes und authentisches Wesen. Und daraus lässt sich wieder schöpfen.  

 

Illustration

 

In unserer Semesterarbeit befassen wir uns mit der Transformation eines Bauernhofes zu einer nicht mehr klassisch landwirtschaftlich genutzten Anlage. In einer ähnlichen Ausgangslage befinden sich viele Schweizer Bauernbetriebe, die nicht den heutigen Normen entsprechen. Für eine gesicherte Existenz wird eine quantitative Größe verlangt. Die zukünftige Entwicklung der Landwirtschaft ist nicht absehbar. Die gesellschaftliche Wertschätzung der Landwirtschaft und ihrer historischen Bauten wird existenziell wichtig sein. Dazu braucht es viel Aufklärungsarbeit und eine breitenwirksame Sensibilisierung für die Zusammenhänge und für die Komplexität der Zusammenhänge, beispielsweise des ökologischen Systems. Oder für einen dringend notwendigen Wertewandel für die Ressource Boden, dessen Bedeutung nicht zuletzt durch die Agrarreformen auf Werte wie Erreichbarkeit und Verfügbarkeit (rationelle Bearbeitbarkeit) reduziert wurde.

 

Die Frage, die sich stellt, ist die nach dem „Mehr“ einer umfassenden Existenzform „Landwirt“, die in der Vernetzung mit der natürlichen Umgebung begründet ist und nicht zum Spielball wechselnder Forderungen einer Dienstleitungsgesellschaft werden darf. Dieses „Mehr“ in der Landwirtschaft müsste in der breiten Öffentlichkeit zur Diskussion von Fragen der Integration von Naturnähe und Kultur führen. Das Thema der Landwirtschaft und die daraus folgenden Konsequenzen, ist nicht nur ein Anliegen der Bauern, es betrifft uns alle!

 

Bei der Transformation eines Bauernhofes am Vierwaldstättersee geht es nicht primär um die Gefahr des Verlustes von Traditionen und Erzeugnissen, sondern um das Wahrnehmen eines Raumes für alternative Erkenntnisse und Erfahrungen. Auf dieser Linie lässt sich unter anderem eine Art sinnlicher Wahrnehmung erarbeiten, die das Verhältnis zwischen dem Menschen und der Natur neu klärt. Eine solche Position, die abseits der gegensätzliche Extreme, Übernutzung und rein ästhetischer Nutzung liegt, ist für uns von Interesse. 

 

Die Kulturlandschaft (die Bauernhöfe sind wichtige Elemente davon) ist eine Natur mit einem hinzugefügten Wert. Als solche ist sie ein wichtiger Speicher geistiger Errungenschaften der Kulturen und vielleicht der wichtigste Speicher für Identität. Die große Herausforderung bei dieser Aufgabe besteht darin, in dieser Dialektik zwischen Erbe und neuer Ausrichtung allgemeingültige Werte zu präzisieren. Für den Hof und für die Region, für den einzelnen Menschen und für die Gemeinschaft.

 

Entwurfsaufgabe:
Die Hofanlage muss zum Teil neu konzipiert werden.  Das Wohnhaus aus den 60er Jahren wird durch einen Neubau ersetzt. Beim Stall werden die unwesentlichen Anbauten entfernt. Die Scheune soll zu einem Raum für Musikinstrumente umgenutzt werden und selber zum Resonanzkörper werden. Wir werden nach der archaischen Form suchen, die der besonderen Nutzung dienlich sein kann. Mit Archaik verbinden wir nicht nostalgische Sehnsucht, sondern: Wer weniger Möglichkeiten hat, ist gewöhnlich stärker auf das Essentielle konzentriert. Den akustischen und visuellen Schwerpunkten der Wahrnehmung dient auch die nähere Umgebung der Hofanlage. Gezielt wird auf die Wahrnehmung des Augenblicks, jedoch auf Weitung der Hinsicht.

 

Die Arbeiten werden begleitet und betreut von Fachkräften aus der Philosophie, der Politik, der Raumplanung und der Technik.

 

Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich
Assistenten: Thomas Stettler, Silvan Blumenthal
Anzahl Studierende: 10
Aufgabentyp: O/I
Einführung: Mittwoch, 18.  Februar 2009, 10:00 Atelier Gisel

 

Download: PDF


15.01.2009 webmaster@arch

 

 
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